|
|


Winterreise im
Sommer: Die internationale Schubert-Werkstatt
Sie bestaunen Kirchen und Schlösser der Kaiserstadt, die Ruinen in
Dürnstein, den Sonnenuntergang in Göttweig, die Orgel in Heiligenkreuz,
auf der Franz Schubert spielte, und sie studieren alle: Das deutsche Lied,
in Baden bei Wien, am dortigen Franz-Schubert-Institut.
Der Gedanke, Akademien und Symposien, Meister- und Sommerkurse an landschaftlich
reizvollen Plätzen abzuhalten, ist nicht neu. Neben Institutionen,
die einen Sommer nicht überdauern, bestehen andere mit verehrungswürdigen
Namen, die auf langjährige Erfahrung zurückblicken. Das "Franz-Schubert-Institut",
gegründet "zur musikalischen und wissenschaftlichen Pflege des
deutschen Liedes", erlebte im letzten Jahr die vierte Wiederholung
seiner sechswöchigen Meisterkurse. Die besondere Idee dieses Seminars
ist die Arbeit an der Verflechtung von Musik und Wort, dem tragenden Element
des Liedes.
Der Gründer und Leiter dieses Instituts ist ein junger Mann der Neuen
Welt: Max Deen Larsen, geboren in Utah in den Vereinigten Staaten, Literaturwissenschaftler
der Yale University, als Studienrat und Universitätslektor in Wien
und Baden tätig, ein rettungslos in Österreich Verliebter, ein
phantasievoller Träumer mit Überzeugungskraft --- und der genialen
Sorglosigkeit von Menschen, die mit Wichtigerem als dem täglichen
Leben beschäftigt sind. Dazu hat ihm die Natur nicht nur Züge
verliehen, die seiner Stellung entsprechen --- er könnte, würde
er seine zeitgemäße Brille gegen eine kleinere mit Nickelrand
austauschen, den Doppelgänger des seligen Franz Schubert darstellen
---, sie hat ihn mit der Zähigkeit des Erfinders und der Beharrlichkeit
des Bettlers ausgestattet, wohl weil alle anderen Gaben ihm nichts nützten,
ohne das Talent, für seine Idee Geld aufzutreiben --- "denn
ewig ist die arme Kunst gezwungen, zu betteln von des Lebens Überfluss".
Dieser Satz der Grillparzerschen Sappho passt zu Franz Schubert so gut
wie zu dem Gründer des Instituts, das seinen Namen trägt.
Es waren zunächst die Dichter, die Deen Larsen nach Österreich
lockten; allen voran Schnitzler, Doderer und Rilke, mit deren Werken er
sich schon früh beschäftigte. Dazu hielt er, noch in Yale, Vorträge
über deutsche Literatur für amerikanische Sänger. Es ging
ihm seit eh und je darum, den Sinn des Wortes zu erklären, um das
Verständnis zu erwecken --- nicht allein für ein Gedicht, auch
für den geistigen Brückenschlag von Kontinent zu Kontinent.
So bettelt er für die Pflege der Kunst in ihrer reinsten Form und
darum, Begabte fördern zu können, nicht nach Gesetzes Vorschrift,
sondern um ihrer und seiner Begeisterung willen.
Beziehungen herzustellen zwischen Franz Schubert und Baden bei Wien, etwa
nach dem Schema "Mozart - Salzburg", erfordert einige Gedankenpirouetten.
Schubert verbrachte eine einzige Nacht seines kurzen Lebens in Baden,
die vom 3. auf den 4. Juni 1828, seinem Todesjahr. Er befand sich mit
seinem Freund Franz Lachner, Münchens erstem Generalmusikdirektor,
auf der Durchreise zum nahe gelegenen Stift Heiligenkreuz. Das Werk, das
sie gemeinsam an der Orgel der dortigen Stiftskirche, am 4. Juni, aus
der Taufe hoben, die vierhändige Orgelfuge D.952, hatte Schubert
allerdings erst die Nacht zuvor im Gasthof "Zum Schwarzen Adler"
komponiert.
Die wahren Zusammenhänge liegen tiefer, die Wasseradern sind feiner,
und das Netz, das sie bilden, reicht über Meere und Kontinente. Robert
Schumann schreibt, im Zusammenhang mit Schuberts Schaffen, von der "reizenden
Landschaft um Wien . . . mit einem leisen, katholischen Weihrauch überzogen
. . . wo gerade solche Werke geboren werden können", und betont,
"dass die Außenwelt, wie sie heute strahlt, morgen dunkelt,
oft hineingreift in das Innere des Dichters und Musikers".
Eben dieses Hineingreifen der Außenwelt, selbst in das nachschöpferische
Wirken der jungen Musiker, spürt man an diesem Ort mit allen Sinnen.
Gewiss hat die Landschaft daran teil: die rebenbestandenen Hänge
und Hügel, mit Burgruinen dekoriert, das gold und grün gestreifte
Ackerland, umrändert von Akazienhainen, der junge Wein der Buschenschenken,
wo der Oleander blüht, die Luft, ein Bouquet morbider Süße,
aus dem man Blüten schmeckt und Harz und Schwefel, dazu das Kaisergelb
des frisch gewaschenen Biedermeierstädtchens und endlich, obgleich
kein analytischer Finger darauf passt: die Geister vieler, die hier lebten,
wirkten, badeten und tranken, spielend ihr Glück versuchten, oder
auch nur zum Sterben hergekommen sind.
Das Franz-Schubert-Institut überschrieb seine diesjährige Arbeit
mit einem Zitat Robert Schumanns: "Das Gedicht soll dem Sänger
wie eine Braut im Arme liegen, frei, glücklich und ganz." Jedoch
--- selbst die Bräute der Romantik, mögen sie nun "Ferne
Geliebte", "Schöne Müllerin", "Mignon"
oder "Gretchen" heißen, sind nicht immer schmieg- und
biegsam. Es bedarf mancher Mühe, sie in den Arm zu zwingen, ehe sie,
frei und glücklich, eins werden mit dem Bräutigam.
Teilnehmer an den Meisterkursen sind junge Sänger, Pianisten und
Musikpädagogen, deren Muttersprache fast nie die deutsche ist. Viele
kommen aus den USA, aus Kanada und England, auch eine Japanerin und eine
Koreanerin waren im letzten Sommer dabei. Die Meisterklassen leiten Sänger
und Pianisten der ersten Rangordnung, eine Palette schillernder Persönlichkeiten,
jede von ihnen drei bis vier Tage im Großeinsatz, während erfahrene
Stimmpädagogen und Schauspieler des Wiener Burgtheaters abwechselnd
Beistand leisten. Daneben werden literatur- und kunstgeschichtliche Seminare
abgehalten, Studienausflüge, "Schubertiaden", Hauskonzerte,
offizielle Konzerte, an denen alle Teilnehmer mitwirken, und schließlich
das große Abschlusskonzert mit der Preisverteilung. Es sind bescheidene
Geldpreise, die gleichwohl große Hoffnungen auslösen. Manche
haben sich in Form von Bühnen- und Lehrverträgen bereits verwirklicht,
auch den großen englischen Sängerwettbewerb, den "Kathleen-Ferrier-Award"
haben Absolventen des Franz-Schubert-Instituts in den letzten Jahren gewonnen.
Dennoch: ob mit ob ohne Preis, keiner von ihnen verlässt Baden, wie
er es betreten hat. Alle erfahren hier eine Metamorphose.
Sie kommen an: gut ausgebildet, gescheit, begabt, konzentriert auf ihr
Instrument, ob Stimme oder Klavier, mit gesundem Selbstbewusstsein und
dem Wunsch, ihr Können hier zu vervollkommnen. Dann stürzen
Welten über sie herein, neu für sie, uralt im Kern. Verwirrung
kommt auf, Befangenheit wird spürbar, nicht selten schlagen die Werke
zurück, das längst erreicht Geglaubte entschwindet wieder, und
oft dauert es lange, bis sie sich aus der Bestürzung befreien und
das neue Alte umsetzen und auf ihre Weise formen können. Denn plötzlich
erfahren sie, dass Begabung und technisches Können noch lange nicht
alles sind, dass die Töne des Schliffs bedürfen wie die Diamanten,
dass die Stelle, woraus das Beste wächst, oft hart am Zerreißpunkt
liegt, dass manche Worte gar gesprochen werden müssen, um ihre Tiefe
auszuloten, dass "dolce" nicht "leise" bedeutet, sondern
"süß", und "nicht schnell" keinesfalls
"langsam". Sie müssen lernen, dass bewusstes Nuancieren
den Zuhörer kalt lässt, dass es nutzlos ist, sich in äußerliche
Interpretation zu flüchten, weil der Ausdruck von innen herkommen
muss. Sie werden aufgefordert, weder andere noch sich selbst zu kopieren,
neu zu sein, jedes Mal; sie sollen das Schlüsselwort zum Verständnis
eines Satzes finden, eines ganzen Liedes, sie dürfen nicht gestikulieren
mit den Händen, nicht den Takt schlagen mit den Füßen,
keine Grimassen schneiden, müssen die Pausen füllen, die Spannung
nicht verlieren und dennoch locker sein, gleichwohl niemals, nie, auch
nicht in Katastrophenfällen, selbst wenn alles danebengeht, keinesfalls
dem Publikum zeigen, wie schwer es ist, ein Lied zu singen.
Manchmal hören sie es zum bitteren Trost, der Fortschritt beginne
an der Pforte der Verzweiflung. Immer wieder wird ihnen eingehämmert,
dass es das Lied nicht gäbe ohne das Wort, dass sich das Melos aus
Gedanken und Gefühlen entwickelt, dass Sänger und Begleiter
eins werden müssen im Lied. Sie dürfen sich nicht mit der oberflächlichen,
meist nur poetisch klingenden Übersetzung der Liedtexte, wie die
Klavierauszüge sie bieten, zufrieden geben. Beide müssen sie
eine wörtliche Übersetzung erarbeiten, um zu verstehen, warum
sie so und nicht anders phrasieren, und oft entdecken sie dabei die Magie
des Wortes. Nicht allein die Klangschönheit, die in einem Wort wie
"Waldeinsamkeit" steckt, auch die Absonderlichkeit, dass das
kleine Wörtchen "wohl" auf hundertfache Weise übersetzt
werden muss oder dass ein Wort wie "vielleicht" die Stimmung
eines ganzen Liedes beeinflussen kann.
Sie treten den Kampf an gegen ihre eigene Zunge. Welten liegen zwischen
dem deutsch und dem englisch ausgesprochenen "L", von den Tücken
der Diphthonge und Umlaute nicht zu reden, oder den zahlreichen Schattierungen
der Vokale "E" und "O". "Jener Herr dort geht
jetzt vom Sonnenhof fort" --- um eine Ahnung des Problems zu geben.
Auch um das rollende "R" kämpfen viele, und haben sie's
endlich erübt, flattern sie so nachhaltig ihre Zungenspitze bei unbetonten
Stellen, dass sie sich es wieder abgewöhnen und die Mitte finden
müssen. Alle Regeln sind unzureichend. Das meiste prägt sich
ein durch Hören und Wiederholen.
Je länger sie hier arbeiten, desto größere, oft beklemmende
Bedeutung gewinnen für sie die Hintergründe der Lieder. Manchmal
sprechen sie es aus, dass sie sich selbst darin wiederfinden.
Zum Erlebnis wird eine junge, blinde Sängerin aus Amerika.
Sie hat eine Lerchenstimme und trägt ihr Nachschlagwerk im Kopf.
Immer heiter, besteht sie darauf, alle Exkursionen mitzumachen, auch die
Bildergalerien zu besuchen. Sie ist ständig am Sammeln von Wörtern,
die in ihrer inneren Welt zu Bildern werden. Meistens haben sie viele
Konsonanten und eine starke Klangfarbe, die, schließt man die Augen,
beinahe sinnliche Kraft besitzt, wie: jetzt --- zittern --- flüstern
--- bedauern --- brennen --- Schmerz --- Sehnsucht --- schwindelt ---
tastete ---, nicht "tasten", sie betont, dass "tastete"
ihr lieber ist.
Sie möchte den Zyklus "Frauen Liebe und Leben" erarbeiten
und beginnt mit dem letzten, dem Todeslied: "Nun hast du mir den
ersten Schmerz getan", singt es ohne Pose, versteinert, fertig, reif
--- und die es hören, fragen sich betroffen, wie sie wohl das erste
Lied singen mag: "Seit ich ihn gesehen, glaub' ich blind zu sein."
Mit der Interpretation desselben Zyklus' hat eine andere Sängerin
anfangs Schwierigkeiten. Sie liebt diese Lieder wohl im großen und
ganzen, belächelt aber Hingabe und Opferbereitschaft jener Frau,
findet sie antiquiert im Zeitalter von "woman's lib" --- und
ist schließlich doch davon zu überzeugen, dass "Er, der
Herrlichste von allen", in jedem echten Frauenleben existiert, ob
lang, ob kurz, doch ganz gewiss so lang die Erde steht.
Nicht alle inneren Widerstände lassen sich im Gespräch beseitigen.
Von großen Interpretinnen angeregt, besteht die Tendenz unter jungen
Sängerinnen, heute Lieder zu singen, die für Männer geschrieben
wurden, von "Winterreise" bis zu "Schöne Müllerin".
(Bezeichnenderweise will kein Mann "Frauen Liebe und Leben"
singen.) Die Lieder leiden nur bedingt darunter, aber die Interpretinnen
lernen auf diese Weise, dass auch Männer an der Liebe leiden können.
Ein baumlanger, hochintelligenter Sänger aus den amerikanischen Südstaaten,
dessen Stimme so dunkel ist wie seine Haut, nimmt zum zweiten Mal an den
Meisterkursen des Franz-Schubert-Instituts teil. Er gehörte in diesem
Jahr zu den wenigen Endpreisträgern der Metropolitan Opera Audition,
jenem bundesweiten und bedeutendsten Sängerwettbewerb in den Vereinigten
Staaten, wo nach zahlreichen Vorsingen, die sich über Monate erstrecken,
unter Tausenden jungen Sängern eine Auslese getroffen wird.
In Baden arbeitet er unter anderem mit großem Ernst an Schuberts
"Geheimes", jener leichtfüßigen Goethe-Dichtung aus
dem "West-Östlichen Divan", die mit den Worten beginnt:
"Über meines Liebchens Äugeln stehn, stehn verwundert alle
Leute." Als er von Goethes Beziehung zu der verheirateten Marianne
von Willemer erfährt, in deren Haus er, Goethe, zu Gast war, und
wie geheim es dort zugehen musste, eben mit Zeichen und "Äugeln",
um "die nächste süße Stunde zu verkünden",
ist er wie ausgewechselt, und tags darauf, im Konzert, singt er das Lied
lächelnd und mit Augenzwinkern.
Verändert klingt die gesunde, frische Stimme eines Tenors, der Schuberts
"Leiermann" singt. Er hat während der Arbeit mehr erfahren
über den "wunderlichen Alten", der mit leerem Teller, barfuß
auf dem Eise seine Leier dreht, mehr als die Worte des Gedichts erzählen.
Er hat die tragische Allegorie begriffen, die den Künstler am Ende
dem Bettler zuführt und die beiden so eng miteinander verbindet,
dass der betrogene Sänger dem Ärmsten der Armen das Letzte anbietet,
das ihm selber blieb, seinen ganzen Schatz: seine Lieder.
Ebendiese Lieder haben auch heute, im Geschäft, das mit der Kunst
getrieben wird, keinen großen Stellenwert. Aber die Begeisterung,
mit der die jungen Künstler die Lieder der Alten Welt in die Neue
hinaustragen, wird sich nicht nur im Raum, sondern auch mit der Zeit fortpflanzen.
Erika Berghöfer
aus Süddeutsche Zeitung
September 1981
 
|